Bulimie oder der Sinn deines Lebens

Im Nachhinein betrachtet war Bulimie ganz klar ein Ausdruck von magelnder Sinnfindung und Haltlosigkeit in meinem Leben. Ich kenne die schwere Suchtkrankheit als Ersatz bzw. als momentane Ausfüllung von innerer Leere. Man fühlt sich machtlos, ängstlich und verzweifelt und ist deshalb der Sucht verfallen, die wenigstens für einen Moment etwas Trost spendet und ein Gefühl von „ausgefüllt sein“ vortäuscht. Bulimie erscheint wie ein tröstender Begleiter für einsame Stunden, in denen man sonst nur von Ängsten und Leere gequält würde.

Bulimie als Ersatz für innere Führung

Wenn du nicht weißt, wo dein Leben hinführen soll, ist es ganz natürlich, dass dich Gefühle von Angst und Unsicherheit beherrschen. Denn Angst ist vor allem das Resultat von einem fehlenden Kontrollgefühl über dein Leben. Angst kommt nur aus Ohnmacht. Aus Planlosigkeit und vielleicht sogar regelrechter Passivität, was dein eigenes Leben betrifft. Das bedeutet im Umkehrschluss, was du denkst im Griff zu haben und zu steuern, macht dir keine Angst. Ein aktiver selbstbestimmer Mensch ist viel weniger ängstlich, als ein fremdbestimmter passiver Mesch.

Wenn du keine eigenen klaren Visionen und Ideen für dein künftiges Leben hast, dann fühlst du dich ohnmächtig. Ziele zu verfolgen, an die wir glauben und die uns wie ein Sinn für unser Leben erscheinen, gibt uns das Gefühl von Stärke. Und von innerer Erfüllung. Dabei sind diese Ziele willkürlich und müssen keinen gesellschaftlichen Konventionen folgen. Es ist sogar wichtig, dass sie deinem eigenen Inneren folgen, deinen ureigenen Wünschen und Bedürfnissen, und nicht vorgegebenen Systemen. Denn oft bekommen wir von außen viele Eindrücke und Meinungen, was wir in unserem Leben tun wollen sollten. „Mach diese Ausbildung.., studiere dies oder das.., du musst einen Freund haben der soundso ist.., hol dir einen Bausparvertrag.., zieh dich schick an.., mache 2 Kinder.., lebe so und so etc.“ Aber was ist wirklich deins, und in welchen Facetten? Was willst du anstreben und wer willst du sein?

Wie unser Schulsystem Bulimie fördert

So sehr unser deutsches Schulsystem in anderen Ländern auch bewundert werden mag, es hat einen ganz großen Mangel. Wir werden zu extremer Unselbständigkeit getrimmt. Zu perfekten Sklaven bzw. Robotern, die vorgefertigte Aufgaben abarbeiten sollen. So schafft man einen Beamten, Soldaten oder Systemsklaven, der Aufgaben befolgt, ohne selbst nachzudenken, wozu das Ganze. Es wird in der Schule im 3/4-Stunden-Takt das Thema gewechselt, immer wird ganz klar vorgegeben was jetzt zu denken und zu tun ist: „Lies jetzt auf Seite 3 Absatz 2, kleiner Schüler, und dann fasse mir zusammen was dort steht. Rechne jetzt auf Seite 23 die Aufgabe 2 a,b, und c und gibt das Aufgabenblatt zur Korrektur ab.“ Usw. So läuft der ganze Schulalltag über 9, 10 oder 12 Jahre.

Die Schule fördert die Unselbstständigkeit und mangelnde innere Führung

Und auf dem Gymnasium ist es ja exakt das selbe wie auf der Hauptschule, nur mit mehr und komplexeren Aufgaben. Aber der Punkt ist: Eine eigene Sinnfindung, die eigene innere Richtung im Leben, wird kein bißchen geschult. Dass ein Kind nicht nach eigenem Interesse lernen kann, nicht mal länger an einem Thema dran bleiben kann, selbst spielerisch damit umgehen, mal über einige Stunden ganz im eigenen Rhythmus mit eigenem angstfreien und spielerischen Interesse mit einer Sache umgehen – genau das fehlt.

Die Schule lässt uns keine Leidenschaft finden

Doch genau so würden sich Leidenschaften ganz anders herausbilden können. Als mit diesem „So, die 3/4 Stunde ist jetzt rum, jetzt denken wir an etwas gaaanz anderes..“ Diese ständige äußere Vorgabe, mit was man sich jetzt beschäftigen soll, ist ein Leidenschaftsabtöter.

Ich habe einmal gehört, dass amerikanische Elite-Universitäten Schüler bevorzugen, die privat unterrichtet wurden. Also nicht im öffentlichen Schulsystem. Warum? Weil diese Studenten viel eigenständiger mit Themen umgehen können. Sie können sich völlig selbständig mit eigenem Interesse umfassend in Themen einarbeiten. Denn sie konnten sich nach eigenem Interesse und Zeiteinteiling mit den Schulthemen beschäftigen. Sie hatten nicht diesen straffen soldatischen Plan, wann sie was exakt abzuarbeiten haben. Während staatliche Schulabgänger darauf getrimmt sind, dazusitzen und zu warten bis ihnen einer sagt, was sie jetzt zu einem Thema tun sollen.

Bulimie durch Unselbstständigkeit

Und genau hier bekommen wir wieder die Kurve zur Bulimie: Die Unselbständigkeit, Haltlosigkeit, Abhängigkweit von der Außenwelt, das fehlen eigener innerer Führung, das fehlen eines eigenen Machtgefühls im Leben – all das begünstigt die Suchtkrankheit.

Wenn eigene Visionen und Zielsetzungen fehlen, an denen wir aktiv arbeiten, kann uns die innere Leere und daraus resultierende Angst so beherrschen, dass wir eine Ausflucht suchen. Eine Sucht ist da ein Klassiker. Und insbesondere die Essbrechtsucht alias Bulimie kann dir kurzzeitig das Gefühl von ausgefüllt sein und innerer Entspannung vorgaukeln. Aber du weißt selber, dass es nicht lange anhält, und dass es ein kläglicher, erbärmlicher Ersatz für echte Glücksgefühle ist.

Deshalb ist es so wichtig, dich zu fragen was du willst. Was du dir wünschst und was du tun kannst um es zu bekommen. Das ist der Weg, der auf Dauer hilft, aus der Krankheit heraus in Unabhängigkeit und Stärke zu finden.